Arm und Reich – Was wir ändern können um Armut zu vermeiden

Arm und Reich

„Es ist besser nicht zu regieren, als falsch“. Die Aussage von Christian Lindner nach dem Scheitern der Sondierungsgespräche spiegelt womöglich eine der essentiellen gesellschaftlichen Fragestellungen des 21. Jahrhunderts wider. Durch den Kapitalismus haben wir vorher nie gesehen materiellen Reichtum geschaffen.  Eine generelle Verurteilung des prägenden Wirtschaftssystems greift daher viel zu kurz. Doch wie können wir die Herausforderung meistern, die breite Masse am Wohlstand teilhaben zu lassen? Eines ist sicher: Die aktuellen politischen Strömungen in Deutschland sind sich schon mal nicht einig.

Stetige Umverteilung

Wir haben ein System etabliert, das Umverteilung von unten nach oben auf vielen Wegen ermöglicht. Alleine die Grundidee des Zinses lässt Geldströme von Armen zu Reichen fließen. Wer kein Kapital hat, leiht sich Geld und bezahlt Zinsen an Menschen, die Kapital haben. Ein Extrembeispiel der letzten 20 Jahre ist die Immobilienbranche. Rund 40% aller deutschen Haushalte geben mehr als ein Drittel ihres Einkommens für die Miete aus. In der Regel sind das Menschen, die sich kein Eigentum leisten können.  Vermieter hingegen profitieren nicht nur von den Mieteinkünften, sondern auch von der enormen Wertsteigerung.

In Deutschland besitzen 10% der Haushalte mehr als die Hälfte des Vermögens. Tendenz steigend.

Wie kann man das ändern?

Diese Entwicklung aufzuhalten oder umzukehren scheint kaum möglich zu sein. Die politischen Ansätze könnten kaum unterschiedlicher sein. Während die einen auf Regulierungen und Subventionen mit planwirtschaftlichem Beigeschmack setzen, wollen andere freie Märkte, weniger Fesseln für Unternehmen und finanzielle Anreize. Selbst über die Frage , ob dies eine globale, europäische oder sogar nationale Aufgabe ist, streiten die Parteien im Bundestag.

Status Quo

Deutschland befindet sich im Herzen eines alternden Europas, welches noch von den technischen Errungenschaften des letzten Jahrhunderts profitiert (Bsp. Maschinenbau). Die wirtschaftliche Stärke ist eine Momentaufnahme. Sie ist vor allem durch zwei Dinge gespeist. Die Reformen zur Zeit Gerhard Schröders, insbesondere durch den Niedriglohnsektor und durch die andauernde Niedrigzinspolitik. In vielen Bereichen fehlt das Geld. Wir sparen im großen Stil zum Beispiel an der Infrastruktur oder am Bildungssystem des Landes. Die Überschüsse des Bundes von 35-45 Milliarden Euro decken den Bedarf an Investitionen nicht. Letztendlich vertagen wir die Probleme mit unserer aktuellen (Wirtschafts-)politik in die Zukunft. Früher haben Eltern geschuftet, um der nächsten Generation ein besseres Leben zu ermöglichen. Heute versucht die nächste Generation den Standard der Eltern aufrecht zu erhalten und wird daran vermutlich scheitern.

Der Sozialstaat spart sich arm

Eine Chance zur Veränderung?

Es gibt Möglichkeiten wie wir uns selbst finanziell für die Zukunft wappnen können. Dabei geht es vor allem darum bewusst zu konsumieren und frühzeitig zu investieren. Vor einigen Wochen habe ich diesbezüglich hier bereits einen Artikel verfasst. Jedoch können wir als Bürger nur schwer die makroökonomischen Entwicklungen steuern. Die besten Möglichkeiten, die wir haben sind unser Kaufverhalten und unsere Wählerstimme. Daher nehme ich ganz eindeutig die Politik in die Pflicht. Um den notwendigen Strukturwand zu verwirklichen, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit. Denn es gab und gibt Projekte und Unternehmen, die wirtschaftlich erfolgreich waren und sind und dabei die „normalen“ Arbeitnehmer nicht vernachlässigten.

Freigeld -Beispiel Wörgl

Aus dem Seminar „Fallstudien der Volkswirtschaftslehre“ der TU Dresden ein Zitat (Quelle):

Das bisher wohl bekannteste Freigeldexperiment fand im österreichischen Wörgl statt. 1932 lebten dort 4200 Menschen, darunter 500 Arbeitslose direkt im Ort zuzüglich 1000 in der näheren Umgebung sowie 200 völlig mittellose Familien. Der Bürgermeister des Ortes, Michael Unterguggenberger, kannte sowohl die Ideen von Silvio Gesell als auch die Wära-Tauschgesellschaft. Angesichts der langen Liste von Projekten, die die Stadt durchführen sollte, wozu ihr aber die finanziellen Mittel fehlten, gelang es ihm, die Stadtverwaltung von diesem Experiment zu überzeugen. So wurden im Juli 1932 „Arbeitswertscheine“ ausgegeben, die dem Schilling als gleichwertig angesehen wurden, da sie durch den gleichen Betrag in Schilling gedeckt waren. Wie schon bei der Wära mussten auch hier am Ende jeden Monats die Scheine mit einer Marke zu einem Prozent ihres Nennwertes beklebt werden. Durch diese Umlaufgebühr versuchten die Menschen, ihr Geld vor Monatsende auszugeben. So kam es, dass sie sogar ihre Steuern im voraus bezahlten. Dadurch konnten diverse öffentliche Projekte durchgeführt werden. Auch die eingenommene Gebühr wurde für Vorhaben ausgegeben, die dem Gemeinwohl dienten. Zu beachten ist, dass der größte Teil der Arbeitsplätze nicht durch die öffentlichen Projekte selbst entstand, sondern erst, als die ersten von der Stadt eingestellten Arbeiter ihre Arbeitswertscheine ausgegeben hatten. Innerhalb eines Jahres konnte so die Arbeitslosenquote um 25 % reduziert werden. Daraufhin wurde der Ort von vielen Interessenten aus dem In- und Ausland besucht. In Österreich planten 170 Städte und Dörfer eine Übernahme des in Wörgl überaus erfolgreich praktizierten Systems. Doch dazu kam es nicht, da die Österreichische Zentralbank einschritt, um ihr Monopol der Geldausgabe zu sichern. Im November 1933 wurde auch in Österreich jegliches Notgeld verboten Mit der zwangsweisen Rückkehr zum alten Währungssystem stieg die Arbeitslosenquote in Wörgl und Umgebung wieder auf ca. 30 %

Notgeld

Wäre es denkbar die Umverteilung von  armen zu reichen Bürgern aufgrund Mieten, Zinsen und Krediten durch eine Währung im Zaum zu halten, die jeden Monat an Wert verliert? Könnte das unter Umständen sogar durch digitale Währungen ermöglicht werden? Das Experiment ist zumindest eine sehr interessante Alternative. Doch es geht auch anders was ich am folgenden Beispiel von Mondragon verdeutlichen möchte.

Mondragon

Mondragon ist das siebtgrößte Unternehmen und die größte Genossenschaft Spaniens. Zu Mondragon gehören mehr als 100 Unternehmen aus verschiedenen Bereichen, insbesondere aus der Maschinenbaubranche. 81% der fast 80 000 Mitarbeiter sind Genossen. Als Genosse muss man eine Einlage von 15 000 Euro hinterlegen. Diese Summe wird mit einer festen Rendite verzinst. Auf Wunsch auch nach Renteneintrittsalter. So kann man weiterhin an den Unternehmensgewinnen partizipieren. Das höchste Gehalt einer einzelnen Person darf maximal das achtfache Gehalt des niedrigsten Verdienstes sein. Genossen sind unkündbar und bekommen zum Beispiel bei Berufsunfähigkeit das volle Gehalt bis zum Renteneintritt. Alle Details kann ich hier nicht aufführen und es gibt auch Kritik. Jedoch ist das System Mondragon gerade in Zeiten der Standortschließungen von Siemens bei gleichzeitigem Rekordgewinn Anlass genug notwendige Veränderungen zu diskutieren.

Die Abstiegsgesellschaft – eine Illusion?

Dass die Schere zwischen Arm und Reich auseinander geht scheint Konses. Kaum einer zweifelt das an. Doch gibt es auch Stimmen, die  von einer gefühlten und einer tatsächlichen Wahrheit sprechen.  Sie argumentieren zum Beispiel mit dem aktuellen Wohlstandsbericht und sagen: Die Arbeitslosigkeit wurde fast halbiert, die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist angestiegen, Arbeitseinkommen sind höher gestiegen als Gewinneinkommen, befriste  Jobs und Minijobs sind rückläufig, die Privatvermögen sind gewachsen und die Ungleichheit der Vermögen ist etwas zurückgegangen. Ist Armut also ein lobbyistischer Medientrick? Nach dem Motto: Wer oft genug hört die Schere zwischen Arm und Reich geht auseinander, glaubt es auch.

Die Grundsatzfrage

Der Artikel erhebt keinen Anspruch auf die vollständige Wahrheit oder die Lösung aller Armutsprobleme. Ich will eher zum Nachdenken anregen. Es mag sein, dass die nackten Zahlen Deutschland einen breit gefächerten Wohlstand attestieren wie es die Armutskritiker behaupten. Auch glaube ich daran, dass unsere Generation höhere Ansprüche hat und insgesamt mit völligem Selbstverständnis viel mehr konsumiert. So sind Lebensmittel im Vergleich zu den letzten Generationen zum Beispiel wesentlich günstiger und wir jammern weiter über die Preise. Dennoch kann die Entwicklung zwischen Vermögenden und Armen kritisch betrachtet werden. Insbesondere im Hinblick auf die nächsten Generationen.

Die Probleme der Mitte

Lebensmittel sind zwar günstiger geworden, doch andere Grundbedürfnisse viel teurer. Die Mitte der Gesellschaft kann sich Wohnen und Transport in deutschen Städten kaum leisten. Hinzu kommt, dass meist beide Partner arbeiten gehen müssen, um überhaupt über die Runden zu kommen. Das ist eine Doppelbelastung und somit bezahlen wir Deutschlands Wohlstand nicht nur mit Niedriglöhnen, Niedrigzinsen und fehlenden Investitionen, sondern auch mit jede Menge Stress.

An dieser Stelle möchte ich nochmal darauf hinweisen, dass wir unsere Finanzen selbst in die Hand nehmen können wenn wir frühzeitig genug (auch für die eigenen Kinder) investieren. Hier findest du einige essentielle Tipps zum Thema.

Wie ist eure Meinung? Haben wir ein Armutsproblem? Muss die Mitte den Abstieg fürchten? Was haltet ihr von Projekten wie Wörgl und Mondragon?

 

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Ein Gedanke zu „Arm und Reich – Was wir ändern können um Armut zu vermeiden“

  1. Thunder creek falls, schoen da … leider ziemlich kalt zum Baden 🙂

    „Die Welt retten“ geht fuer die meisten wohl nur persoenlich:
    vom M.A.N. muesste
    zum I.C.H. muesste:
    du koenntest:
    – Asylbewerbern helfen
    – Nachbarskindern Nachhilfe geben
    – Alte oder Kranke besuchen
    – Arme unterstuetzen (Spenden: in Ausbildung investieren)
    – oder deine Technik-Kenntnisse fuer kostenl. Weiterbildungsplattformen/inhalte einsetzen?
    kurz, dich fuer andere Menschen einsetzen (natuerlich nur die, die deine Hilfe wollen).

    Wenn du auf passive Investitionsvehikel (ETFs statt Einzelaktien) umstellen wuerdest, haettest du sofort genug Zeit dafuer 😉
    Weltverbessern geht v.a. auf pers. Ebene, einfach die Augen auf machen …

    Dagegen, „was waere wenn Spielchen“, was „gut fuer die anderen waere“, wie es „weniger Arme gaebe“, ist ein Kampf gegen Windmuehlen:
    Etwas anderen Aufoktroyieren ist selten von Erfolg gekroent (links-gruener Veggie-Day), denk nur an:
    – jeder weiss: zu viel Essen & Trinken ist schlecht
    – zu wenig Bewegung ist schaedlich
    – Rauchen wenig gesundheitsfoerderlich
    – Investmendfonds mit hohen Gebuehren, Riester, Ruerup, KV&Rentenversicherungen zu wenig nuetze

    Genauso fuehrt falscher Konsum, kein/falsches Investieren, Faulheit bei der Ausbildung/Weiterentwicklung eben manchmal dazu,
    unter seinen finanziellen Moeglichkeiten zu bleiben …

    Deshalb: Den Schwachen, Armen, Unwissenden persoenlich helfen (nur, wenn sie Hilfe wollen).
    Den Rest einfach freundlich so weiterleben lassen …
    und immer mal dafuer werben, ob sie nicht Jesus Christus in Ihr Leben aufnehmen wollen 😉
    LG
    Joerg

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